Kurzeinführung Pflege
Noch immer werden pflegebedürftige Menschen in Deutschland zu etwa zwei Dritteln von Angehörigen zu Hause betreut. Doch das traditionelle Modell stößt längst an seine Grenzen. Die Familienstrukturen haben sich gewandelt, nicht nur, weil es in den Familien weniger Kinder gibt. Frauen, die bis heute einen Großteil der Pflege übernehmen, sind häufiger berufstätig und leben häufiger nicht in der Nähe ihrer Eltern. Dazu kommt, dass wir immer älter werden, sich damit auch die Phase unserer Pflegebedürftigkeit verlängert.
Neue Tendenzen
Manche der „neuen Alten“ wollen heute ganz bewusst nicht von ihren Kindern oder Schwiegerkindern gepflegt werden. Die eigenen, traumatischen Erfahrungen mit der Sorge um pflegebedürftige Angehörige spielen hier nicht selten eine wichtige Rolle. Man erwartet keine Aufopferung, möchten die Voraussetzungen schaffen für freiwillige Zuneigung und unbelastete Beziehungen. Daneben haben viele der „Jungen Alten“ wohl auch ein größeres Bedürfnis, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, als frühere Seniorengenerationen – oder äußern dieses Bedürfnis selbstbewusster und vehementer. Aus diesem Lebensgefühl heraus können sich fast zwei Drittel der Fünfzig- bis Siebzigjährigen auch nicht vorstellen, ihren Lebensabend in einem Senioren- oder Pflegeheim zu verbringen.
Problemfall Pflege
Doch ganz gleich, wie sich Betroffene und ihre Angehörigen in diesem Punkt entscheiden, gerade der Übergang in die Pflegebedürftigkeit ist für alle Beteiligten mit Unsicherheiten und Problemen behaftet. Welche Möglichkeiten der Unterstützung gibt es? Wie geht die Einstufung in die Pflegeversicherung vor sich? Was wird von der Pflege- und Krankenkassen bezahlt, was nicht? Wie finden wir einen guten ambulanten Pflegedienst? Und wann ist die stationäre Unterbringung vielleicht doch die bessere Lösung? Gerade die Vielzahl der verschiedenen Beratungsstellen und Hilfsangebote führt oft zu einer sehr zeitraubenden und belastenden Suche nach Antworten auf individuelle Fragen. In den meisten Kommunen wird der Beratungsdschungel bisher auch durch die neu eingeführten oder einzuführenden „Pflegestützpunkte“ bisher nicht wirklich gelichtet.
Aber auch die Situation der Pflege selbst ist in Deutschland weiterhin unbefriedigend. Kaum jemand will sein Alter in einem Heim verbringen, und dennoch wird die stationäre Pflege weiter ausgebaut und stärker bezuschusst als die ambulante. Das liegt in erster Linie daran, dass es für erheblich Pflegebedürftige noch keine wirklich praktikablen und erprobten Alternativen zum Pflegeheim gibt. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird sich das mit der Zunahme von qualifiziert betreutem Wohnen (vor allem auch zu Hause) und von gemeinschaftlichen Wohnprojekten hoffentlich ändern.
Trotz der Verbesserungen der Pflegereform von 2008 müssen sich Pflegebedürftige weiterhin darauf einstellen, dass sie oder ihre Angehörigen einen Teil der notwendigen Kosten selbst tragen müssen. Die Pflegeversicherung ist quasi eine „Teilkaskoversicherung“ und leistet damit nicht das, was sich viele von ihr versprechen. Das Pflegegeld, das für pflegende Angehörige gezahlt wird, bleibt auch nach der Pflegereform von 2008 nicht mehr als eine bescheidene Anerkennung. Andererseits muss hier zu Lande niemand in Panik verfallen: Gerade für Menschen mit niedrigem Einkommen gibt es viele Möglichkeiten der finanziellen Entlastung. Und auch Betroffene, die keinen Anspruch auf Leistungen der Sozialhilfe haben, können viel Geld und Nerven sparen, wenn sie sich gut informieren.
Rechte und Informationsmöglichkeiten
Auf eine kostenlose Beratung rund um das Thema Pflege haben Sie seit dem 1. Januar 2009 einen Rechtsanspruch. Wenn Sie pflegebedürftig werden, setzen Sie sich mit Ihrer Pflege- bzw. Krankenversicherung in Verbindung. Sie sind grundsätzlich dort pflegeversichert, wo Sie auch krankenversichert sind. Sobald Sie Leistungen der Pflegeversicherung beantragen, muss diese Sie darüber informieren, wo sich der nächste Pflegestützpunkt befindet. Mit der Einrichtung von Pflegestützpunkten und der Qualifizierung von Pflegeberater/innen soll in Zukunft für alle Bürgerinnen und Bürger eine wohnortnahe Beratung zu sämtlichen Fragen rund um die Pflege gewährleistet sein. Pflegestützpunkte sollen aber nicht zusätzlich zu bereits bestehenden Beratungsangeboten, sondern in Zusammenarbeit mit ihnen eingerichtet werden.
Erste Erfahrungen mit den neuen Pflegestützpunkten zeigen, dass der hohe politische Anspruch häufig von der Realität nicht erfüllt werden kann. Aktuell haben die Pflegekassen außerdem in vielen Bundesländern, Städten und Gemeinden noch keine Pflegestützpunkte aufgebaut. Dort erhalten Sie nach wie vor die Antworten auf alle pflegerischen Fragen von der Pflegekasse selbst, und sollten sich unbedingt zusätzlich in den unabhängigen Seniorenberatungsstellen der Kommunen informieren. In Freiburg im Breisgau ist beispielsweise das städtische Seniorenbüro die zentrale Anlaufstelle.
Kurzleitfaden Pflegebedürftigkeit
Allgemeine Informationen zu allen Fragen rund um die Pflege, unter Berücksichtigung der Pflegereform 2008, finden Sie in der kostenfreien Broschüre „Ratgeber Pflege“ auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit, siehe unten. Wer sich über Angebot und Preise vorinformieren möchte, kann das zum Beispiel über den „Pflegenavigator“ der AOK tun, der ambulante Dienste in Ihrer Nähe anzeigt und eine unverbindliche Kostenschätzung möglich macht. Den besten Überblick sollten aber die Seniorenberatungsstellen bei Ihnen vor Ort haben. Beauftragen Sie also nicht den erstbesten Pflegedienst, sondern gehen Sie Schritt für Schritt so vor:
- Wenden Sie sich an Ihre Pflege-/Krankenkasse. Das kann auch jemand anders für Sie tun, wenn Sie ihn bevollmächtigen. Lassen Sie sich dort beraten und stellen Sie einen Antrag auf Feststellung der Pflegebedürftigkeit. Bitten Sie aber auch um die Vermittlung an eine qualifizierte, unabhängige Beratungsstelle („Seniorenbüro“ oder „Seniorenberatung“) in Ihrer Nähe.
- Von Ihren Beratern sollten Sie Informationen zu verschiedenen Betreuungs- und Pflegemöglichkeiten vor Ort bekommen, aber auch zur Wohnungsanpassung, zu Hilfsmitteln, Betreutem Wohnen, alternativen Wohnprojekten, Heimen usw. Die Berater/innen wissen auch über Finanzierungsmöglichkeiten Bescheid, besorgen Ihnen die nötigen Formulare und helfen bei der Antragstellung.
- Die Pflegeversicherung wird Ihnen einen Termin zur Begutachtung Ihrer Pflegebedürftigkeit durch den Medizinischen Dienst (MDK) geben. Bereiten Sie sich auf diesen Termin vor, indem Sie Pflegetagebuch führen. Ihre Berater/innen können Ihnen auch hierzu wertvolle Tipps geben.
- Von der Pflegekasse oder den Beratungsstellen bekommen Sie eine Liste aller zugelassenen ambulanten, teilstationären und stationären Pflegeeinrichtungen in Ihrer Nähe. Vergleichen Sie deren Angebote und Preise.
- Überlegen Sie, von wem und in welcher Form Sie sich pflegen und unterstützen lassen möchten. Versuchen Sie, Ihre eigenen Möglichkeiten wie auch die Ihrer Angehörigen realistisch einzuschätzen. Beziehen Sie Ihre Angehörigen in Ihre Überlegungen mit ein, ohne sie unter Druck zu setzen.
- Bevor Sie einen Vertrag abschließen, stellen Sie sicher, dass Sie ihn wenn nötig relativ kurzfristig wieder kündigen können.
Auch wenn Sie schon länger pflegebedürftig sind, haben Sie einen Anspruch auf weitere, kostenfreie Beratung. Sie sollten diesen Anspruch insbesondere dann wahrnehmen, wenn sich wichtige Lebensumstände ändern.
Informationen und kostenlose Broschüre „Ratgeber Pflege“ des Bundesministeriums für Gesundheit: www.bmg.bund.de
Website der AOK mit Pflegenavigator: www.aok.de