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Alkohol, Medikamente und Co.

gefüllte Weingläser

Was fällt Ihnen zum Stichwort „Sucht“ als erstes ein? Heroin- oder Kokainabhängigkeit? Das Rauchen oder die Alkoholexzesse Jugendlicher? Alles Phänomene unserer Gesellschaft, die in den Medien immer wieder für dicke Schlagzeilen sorgen. Doch es gibt auch weniger sichtbare Formen der Sucht. Menschen über sechzig nehmen (bisher noch) in der Regel keine harten und illegalen Drogen und fallen in der Öffentlichkeit wenig auf. Aber auch sie haben Suchtprobleme: Sie kämpfen zum Beispiel mit einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit oder leiden unter Essstörungen.

Die innere Leere füllen

Die Ursachen sind vielfältig. Manche rutschen über Jahre oder Jahrzehnte in die Alkoholabhängigkeit hinein, auch weil sie im fortgeschrittenen Alter nicht mehr so viel vertragen. Andere waren immer schon gefährdet. Aber auch Einsamkeit und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, sind ein gefährlicher Nährboden für jede Art von Sucht. Wenn der Beruf wegfällt, die Kinder ausgezogen sind, der Partner stirbt, kann sich das Gefühl festsetzen, für niemanden mehr wichtig zu sein. Eine innere Leere muss gefüllt werden.

Noch gibt es nur wenige Beratungsstellen, die sich auf die Suchtprobleme älterer Menschen spezialisiert haben und die auch versuchen, diese Zielgruppe direkt anzusprechen. Menschen über sechzig sind in den Einrichtungen der Suchthilfe denn auch deutlich unterrepräsentiert: Nur vier Prozent der Suchtkranken, die von ihnen im Jahr 2007 betreut wurden, waren älter als 60 Jahre. Das hängt auch damit zusammen, dass lange Zeit selbst in Fachkreisen die Meinung verbreitet war, ältere Menschen seien nicht mehr wirklich therapierbar – bei ihnen sei es „sowieso zu spät“. Doch heutige Erfahrungen zeigen, dass gerade die, die die Kraft haben, sich Hilfe zu holen, grundsätzlich auch beweglich genug sind, ihr Leben zu verändern.

Heilmittel als Suchtmittel?

Neben dem Alkohol ist die Medikamentenabhängigkeit das zweite große Problem der über Sechzigjährigen. Hier ist die Dunkelziffer besonders hoch, auch weil sich viele Menschen ihrer Krankheit nicht wirklich bewusst sind. Schließlich bekommen sie in vielen Fällen ihr Suchtmittel als Heilmittel von Arzt verordnet – kann daran etwas verkehrt sein? Schmerz- und Schlafmedikamente, Beruhigungs- und Aufputschmittel, aber auch scheinbar harmlose Hustenmittel, Appetitzügler oder Nasensprays können Süchte auslösen. Eine besonders unrühmliche Rolle spielen Benzodiazepine: Etwa achtzig Prozent der registrierten Medikamentenabhängigen sind süchtig nach diesen Angstlösern und Entspannungshelfern. Frauen im höheren Lebensalter sind besonders betroffen, aber auch Männer und die mittleren Lebensalter holen in der Statistik immer mehr auf.

Doch woran erkennt man eine Medikamentenabhängigkeit? Sie ist grundsätzlich schwierig zu fassen, und zwar sowohl für Angehörige oder Freunde, als auch für Ärzte und andere Fachleute. Oft gelingt es den Patienten lange, die Sucht zu verheimlichen, weil sie länger scheinbar „normal“ funktionieren als zum Beispiel Alkoholabhängige. Typische Beschwerdebilder, die sowohl Auslöser als auch Folge einer Medikamentenabhängigkeit sein können: Überforderungsgefühle, Schlafstörungen, ständige Müdigkeit, Unruhe und Nervosität, Ängste und Niedergeschlagenheit. Körperlich treten Schwindelgefühle und Herzrasen, unspezifische Magen-Darmprobleme und diffuse Schmerzen auf. Patienten, die große Vorräte eines oder mehrerer Medikamente horten, immer einige Tabletten bei sich tragen und nicht mehr auf ihr Medikament verzichten wollen, könnten abhängig sein.

Ob es um Alkohol, Medikamente oder andere Suchtkrankheiten geht - oft sind es zunächst die Angehörigen, die den Kontakt zu Beratungsstellen suchen. Sie leiden massiv mit und können selbst erkranken, wenn sie nicht rechtzeitig aktiv werden. Am Anfang steht auch für sie die Information. Sie sollten die Sucht als Krankheit begreifen, an der der Patient so wenig Schuld hat wie an anderen Krankheiten auch.

Hilfe für Angehörige

Viele Angehörige versuchen mit all der Kraft ihrer Liebe, dem Suchtkranken zu helfen, und verstricken sich und ihn dabei nur immer mehr in das Fangnetz der Abhängigkeit. Sie kämpfen an zwei Fronten: nach innen, indem sie versuchen, den Süchtigen zu einer Veränderung seines Verhaltens zu bewegen, nach außen, indem sie sich bemühen, die Fassade einer funktionierenden Familie oder Partnerschaft aufrecht zu erhalten. Eine Sisyphusarbeit, die immer wieder scheitert, solange der Suchtkranke nicht aus eigenem Antrieb aktiv wird.

Deshalb raten Psychologen: Kapitulieren Sie vor der Abhängigkeit Ihres Angehörigen! Gemeint ist die Erkenntnis, dass es keinen Sinn macht, wenn Angehörige ihren Alltag mit Vorwürfen und Maßregeln gegen den Suchtkranken „vergiften“ und damit doch keine echten Änderungen herbeiführen. Angehörige sollten nicht versuchen, den anderen zu verändern, sondern die Verantwortung an ihn selbst zurückgeben. Stattdessen können sie aber sehr wohl Veränderungen bei sich selbst herbeiführen: wieder mehr an sich denken, das eigene Leben in Ordnung bringen, nicht mehr um jeden Preis versuchen, die „Untaten“ des Süchtigen zu vertuschen oder ungeschehen zu machen.

Das alles ist leichter gesagt als getan. Nicht nur die Suchtkranken selbst, auch ihre Angehörigen brauchen dringend immer wieder Unterstützung. Die können sie sich bei Freunden oder in der Familie suchen, aber auch bei den Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe.


Eine nützliche Website, die speziell für ältere Abhängige und ihre Angehörigen eingerichtet wurde, bietet die „Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen“ (DHS):
www.unabhaengig-im-alter.de

Telefonische Beratungsstellen:

BZgA-Info-Telefon:Tel. 02 21/89 20 31
Montag bis Donnerstag von 10 bis 22 Uhr
Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Das BZgA-Info-Telefon bietet eine erste persönliche Beratung mit dem Ziel, Ratsuchende an geeignete lokale Hilfs- und Beratungsangebote zu vermitteln.

Bundesweite Sucht- und DrogenHotline: Tel. 0 18 05/31 30 31 (12 Cent/Min.)
täglich 0 bis 24 Uhr

Telefonseelsorge: Tel. 0 800 111 0 111 oder 0 800 111 0 222 (kostenlos)
täglich 0 bis 24 Uhr

Suchtberatung der agj in Freiburg im Breisgau:
Oberau 23
79102 Freiburg
Telefon: 07 61/20 76 20
E-Mail: suchtberatung-freiburg@agj-freiburg
www.suchtberatung-freiburg.de
(Website mit Selbsttest: Bin ich alkoholabhängig oder gefährdet?)